Mittwoch, 8. April 2015

Wattebauschwerfer, verkopfen und so weiter

Ich gebe zu, ich kann den Begriff "Wattebauschwerfer" langsam nicht mehr hören, denn er soll nur eines: denunzieren. Ich mag so nicht betitelt werden, auch nicht aus Spaß. Weil es nicht spaßig gemeint ist, sondern der Gegenüber einfach überhaupt keine Ahnung davon hat, wie man eigentlich trainiert und ihm deshalb nichts Besseres dazu einfällt.

Ich bin kein "Wattebauschwerfer". Ich bin nur ein Hundehalter mit Herz, Bauchgefühl und Verstand. Weder mein Herz, noch mein Bauchgefühl sagen mir, dass es richtig sei, meinen Hund zu gängeln. Ihn in Situationen zu schicken, die er nicht meistern kann, um ihn dann dafür bestrafen zu können. Herz und Bauch sagen mir auch nicht, dass ich meinen Hund anpöbeln muss. Liest man in Hundeforen diese zwei Worte könnte einem glatt schlecht werden, was darunter verstanden wird.

Positive Verstärkung, beziehungsweise. belohnungsbasiertes Training, sei ja so unglaublich verkopft. Man würde ja eine Wissenschaft daraus machen! Konfliktvermeidung betreiben!

Nein, ich muss zugeben, dass ich es nun nicht sonderlich schwierig fand zu lernen, wie ein Hund lernt. Oder Säugetiere im Allgemeinen. Daher weiß ich nicht, woher dieses Verkopfen kommen soll, das ja bei belohnungsbasiertem Training zwangsläufig auftreten MUSS. 

Komplett straffrei ist eine Utopie - und ich weiß nicht wie oft andere und ich das inzwischen betont haben, es dennoch immer wieder übergangen oder einem ein Strick daraus gedreht wird - denn es kommt im Alltag einfach vor dass jemand oder etwas unangenehm für den Hund wird. Das heißt aber nicht, dass ich meinen Alltag oder Training bewusst mit Strafen gestalte.

Ich rede relativ leise und ruhig mit den Hunden. Mit Enno konnte ich auch flüstern. Mein Bauchgefühl signalisiert mir nicht, dass ich meinen Hund im Kasernenton herumkommandieren muss. Das wurde auch schon auf einem Hundeplatz an mir kritisiert; ich würde ja in Engelszungen mit meinem Hund sprechen.




Gehen den Leuten die Argumente aus, ziehen sie ihr "Ass" aus dem Ärmel: "Wenn du meinst, man kann Hunde ohne Strafe trainieren, dann hattest du eben noch nie einen "richtigen" Hund!"
Das Witzige an der Sache ist allerdings aber: sie "argumentieren" mit Hunden, die sich genau dieses Programm auch noch gefallen lassen. Absurd, oder? Abgesehen davon, dass ich bei "richtiger Hund" nur mit den Augen rollen kann, müsste man nicht die Hunde darunter definieren, die sich so eine Behandlung nicht gefallen lassen? Die ein Echo geben, mit dem solche Hundehalter nie klar kommen würden?
Über diesen vermeintlichen Geniestreich der Kritiker meines Trainings kann ich inzwischen nur noch müde lächeln.

Erschreckend ist, wie viele Leute auf diese Bauernfängerei reinfallen. Wie viele Leute immer nur glauben wollen, anstatt zu wissen. Sie wollen glauben, was richtig und was falsch ist. Sie wollen es nicht wissen. Ich meine, wissen hat ja nichts mit verkopfen zu tun. Dieses Wissen ist ja in großen Teilen auch für jeden frei verfügbar, man müsste nur einmal eine Suchmaschine bedienen.
Dass ich eine Sache verkopfen muss, weil ich keine Ahnung von dieser habe, kommt mir da schon schlüssiger vor. Wenn man sich die Regeln der Strafe durchliest, die eingehalten werden müssen, um "korrekt" zu strafen, dann ist der Vorwurf des Verkopfens gegenüber der positiven Verstärkung ja geradezu blanker Hohn.

Oft werfen die Kritiker dann ihnen bekannte Hundehalter in den Raum, die ja an Miniproblemchen jahrelang arbeiten und es dennoch nicht besser wird; völlig klar warum, denn die arbeiten ja positiv verstärkend. Die Frage, die immer wieder unter den Teppich gekehrt wird: ist das, was der besagte Hundehalter da macht, denn auch wirklich positiv verstärkend?
Denn ja, positive Verstärkung, oder belohnungsbasiertes Training, ist nun einmal viel, viel mehr als sinnlos Leckerchen durch die Gegend zu werfen. Natürlich kann man Fehler machen, kann in Stolperfallen geraten. Deswegen aber die Art des Trainings allgemein zu kritisieren ist .... sehr ungeschickt, wenn man auf der anderen Seite für das Strafen ist und, wie bereits angesprochen, sich mal vor Augen führt, was man da alles falsch machen kann. (Nämlich viel, viel mehr. Mit gravierenderen Folgen.)

Ich finde es angenehmer (und natürlicher), den Hund für erwünschtes Verhalten zu belohnen. Ich möchte nicht, dass mein Hund aufhört zu pöbeln, weil ich es ihm schlicht verbiete. Ich möchte, dass mein Hund gar keinen Grund mehr zum Pöbeln hat. Klar, dass gutes Training je nach Schweregrad eines Problems länger dauert als stumpfe Symptombekämpfung. Ich finde es entspannter, nicht aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen und dem Hund die abtrünnigsten Handlungen und Gedanken zu unterstellen, zu denen er gar nicht in der Lage ist. Der Hund reagiert so, wie er reagiert, weil er ein Hund ist, weil ich es ihm nicht anders oder nicht besser beigebracht habe. Punkt.


 
ein "harmloser" Aufreger (es geht noch schlimmer)


Traurig finde ich auch, wenn die Leute in Foren erwähnen, dass der Hund heute mal, so einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, Hund sein durfte. Entschuldigung, aber meine Hunde dürfen jeden Tag Hund sein. Das bedeutet nicht, dass sie unerzogen die Welt belästigen, sondern einfach nur, dass sie jeden Tag Hund sein dürfen. Und ich finde es schade, dass es wohl nicht jedem Hund so ergeht.
Wenn mein Hund schnüffeln möchte, dann bleibe ich stehen und lass ihn gewähren. Ich muss meinen Hund nicht an jedem Grashalm weiter reißen. Man kann fünf auch mal gerade sein lassen. Und zwar mehr als einmal im Jahr.

Ich will ich gar nicht sagen, dass ich perfekt wäre. Um Gottes Willen, nein. Ich will nicht sagen, dass ich niemals nie nicht genervt bin. Ich bin nicht frei von Frustrationen oder Unsicherheiten. Ich bin aber kein Freund davon, dass dann am Hund auszulassen. Mein Hund merkt das auch so, noch früher als ich selbst, da muss ich das nicht noch absichtlich demonstrieren. Warum auch.
Ich muss meinen Hunden nicht zeigen, dass ich der Boss bin. Ich bange auch nicht um meine Führungsposition, wenn mal etwas nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe - und glaubt mir, bei Spitzen und Nordischen kommt das nunmal vor. ;)
Ayumi hat mir in den ersten Tagen zwei Leinen von Bent durchgebissen, Übersprungshandlung. Bents Leinen waren eben auch sehr dünn, so schnell konnte ich gar nicht reagieren, da waren sie schon durch. Feiere ich deshalb nun eine Party, weil ich mich darüber so sehr freue? Nein. Zeige ich dem Hund, dass sowas aber gar nicht geht? Nein. Ich lächle darüber, Schwund gibt es nunmal im Hundehaushalt. (Ganz abgesehen davon, wie es überhaupt dazu kam.)


Ich habe nun eine dickere Leine für Bent - und mit Ayumi trainiere ich ja sowieso. Eine völlig entspannte, unverkopfte, in meinen Augen völlig normale Antwort darauf. Warum das so vielen Leuten so schwer zu fallen scheint - ehrlich, ich weiß es nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, der  Hund ist nicht deren Freund, sondern deren Feind.

Meine Hunde sind nicht perfekt - nicht perfekt in den Augen anderer Hundehalter - müssen sie auch gar nicht sein. Bent ist "laut". Er spielt laut, er freut sich laut, er motzt laut, er ist nunmal so. (Und ich reagiere da ganz gut drauf, das hat er gerlent. ;)) Bei Hundebegnungen war es so, dass er mich gerne mal komplett vergessen hat - nicht um mir zu zeigen, dass er eigentlich die Hosen an hat, sondern einfach weil er so ist. Es ist besser geworden, viel besser. Aber noch nicht perfekt. Bei seinem Alter auch völlig in Ordnung. Ja, es wäre auch in Ordnung, würde es nie ganz perfekt werden.



Enno war nicht perfekt - nicht perfekt in den Augen anderer Hundehalter. Mit Hundebesuch in der Wohnung kam er schlecht klar, das stresste ihn. Jede noch so kleine und dreckige Pfütze oder jedes Schlammloch hat er mitgenommen - ich war nie, nie, nie verärgert deswegen - weil er einfach so einen Spaß dabei hatte, dass ich nur glücklich zusehen konnte. Meine Couch war mal weiß, wird sie nicht mehr werden - weil sich ein nasser, dreckiger Enno da mehr als einmal hat trocknen lassen - ich bin da ehrlich, es war jetzt vielleicht nicht unbedingt das klügste, bei einer weißen Couch, aber für mich ist dieser materielle Wert so unglaublich niedrig - dass mir das echt egal  bzw. jede schöne Sekunde, die mein Hund auf der Couch verbracht hat, wert war. 

Und sicherlich ist auch Ayumi nicht perfekt - nicht perfekt in den Augen anderer Hundehalter. Im Auto regt sie sich sehr schlimm auf, sobald sie andere Hunde oder gewisse Menschen sieht (ich glaube, es hängt mit auffälliger Kleidung zusammen). Selbst auf sehr große Distanz sind Hunde auf Spaziergängen Stress pur. Sie interessiert sich für Vögel, Kaninchen, vielleicht auch für Rehe, würden wir mal eines sehen. Das sind nun keine unüberwindbaren Berge, aber perfekt ist vermutlich anders. Ja, ich gehe für sie an eher ruhig gelegene Orte. Ja, ich gehe für sie zu Zeiten spazieren, zu denen ich andere Hundehalter eher weniger treffe. Es ist keine direkte Konfliktvermeidung - ich muss meinen Hund nur einfach nicht X Situationen zumuten, die er noch gar nicht schaffen kann.

Wir sind nicht perfekt, und es gibt Dinge, an denen wir trainieren (müssen). Aber ich bin zufrieden. Ich finde es toll zu sehen, wie ein Markerwort die Kommunikation so unglaublich vereinfacht. Ich habe es bei Enno gesehen, ich habe es bei Bent gesehen, ich sehe es bei Ayumi. Es ist nur ein so kleines Wort - und es kann so viel bewirken! Spott ist da wirklich gänzlich unangebracht.

Für mich ist es einfach das Schönste, wenn beide Hunde bei mir im Bett liegen und sich an mich kuscheln. Zu merken, wie Ayumi sich wohl fühlt, wie Bent sich wohl fühlt mit der neuen Situation. Das erfüllt mich wirklich sehr.

- - -

Als ich über das gesamte Thema nachgedacht habe, musste ich irgendwie an dieses Lied denken:




es tut mir leid
(es tut mir leid)
ich bin nicht besonders evil
(es tut mir furchtbar leid)
es tut mir so leid

Kommentare:

  1. Hallo liebe Simone,
    das hast du echt toll geschrieben!
    Ich finde es echt super, dass du so gut auf die einzelnen Bedürfnisse deiner Hunde eingehst und dir auch nichts von Anderen einreden lässt.
    Schön ist es auch, dass deine Hunde Hund sein dürfen. Ich finde es echt schlimm, wenn den Hunden das Hund sein abtrainiert wird. Was hat man denn davon!?!
    Meine Hunde sind für Außenstehende auch nicht perfekt, aber wer will das? Ich bin doch auch nicht perfekt. Warum sollte ich es dann von ihnen verlangen!?!
    Zieh weiterhin dein Ding durch!
    Liebe Grüße,
    Laura mit Jona und Chewie

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